Tote Fische: irgendwie normal, aber eindeutig vermeidbar

Wieder einmal ein strengerer Winter und wieder einmal ersticken in der Unteren Lobau die Fische – im Schönauerwasser.

Handelt es sich dabei um eine nicht vorauszusehende Katastrophe? Nein. Winterliche Fisch- und Muschelsterben hat es in der Lobau bei anhaltendem Frost und dicker Eisdecke schon immer gegeben.

Als Beispiel hier einige mehr als fünfzig Jahre alte Eintragungen im Logbuch von Norbert Sendor (Jahrgang 1936) der als Naturfotograf seit den 1950er-Jahren siebzig Jahre lang durch die Lobau gepirscht ist:

  • 3. Februar 1968: „Vereinzelt tote Fische bei der Künigltraverse-Brunnader. Beim Eisloch Gänshaufenbrücke viele kleine Fische mit deutlichen Anzeichen von akutem Sauerstoffmangel.
  • 26. Dezember 1969: Östlich der Gänshaufentraverse liegen tote Hechte, der größte 1,20 Meter, die meisten anderen waren geschätzt ca. 60 Zentimeter. Auch einige tote Brachsen und verschiedene Weißfische mit 15-30 Zentimetern sind zu sehen.
  • 2. Jänner 1970: Im Auslauf des Lausgrundwassers viele tote Rotfedern, Aitel, Barsche und Brachsen.
  • 15. Februar 1970: Oberhalb der Schwadorfer Rinne eine Ansammlung von toten Fischen: Weißfische, Welse, Zander, Schleien. Keine kapitalen Stücke dabei. Auffällig sind die vielen toten Schleien.

Somit: Alles „ganz normal“ – auf den ersten Blick. Früher war dennoch vieles anders.

Norbert Sendor: „Fischsterben sind immer zusammengefallen mit strengen Wintern und mit Schnee. Die toten Fische waren aber nur in den Seitenarmen. Der Hauptgewässerzug war nie betroffen.“ (Anmerkung: Mit ganz seltenen Ausnahmen wie der wahrlich extreme Winter 1962/63)

Im heurigen Winter ist der Hauptgewässerzug sehr wohl betroffen. Das Schönauerwasser ist ein Teil des Hauptgewässerzuges durch die Untere Lobau (Eberschüttwasser – Mittelwasser – Kühwörtherwasser – Schönauerwasser).

Die Seitenarme, von denen Norbert Sendor spricht, existieren nicht mehr bzw. liegen große Teile des Jahres trocken (z.B. Kleines Lausgrundwasser, Brunnader, Gänshaufenwasser, Schwadorfer Rinne usw).

Warum sind die Seitenarme verschwunden?

  • Weil sich die Donau unterhalb von Wien seit der Errichtung des Kraftwerks Freudenau rasant immer tiefer eingräbt und dadurch die unterirdische Speisung der Lobau mit Donauwasser stark verringert wurde.
  • Weil alle Gewässer aufgrund fehlender Überschwemmungen bzw. fehlender Wassereinspeisung (anders als in der Oberen Lobau) immer mehr verschlammen und verlanden – und somit immer seichter werden oder zur Gänze vertrocknen. Seichtes Wasser, dicke Eisschicht = Sauerstoffmangel = tote Fische.

Mittlerweile liegt bereits der gesamte Hauptgewässerzug der Unteren Lobau im Würgegriff der Verlandung. De facto bedeutet dies, dass die Untere Lobau im Sterben liegt.

Die unterirdische Versorgung der Lobau mit Donauwasser, das durch den Schotter sickert, ist nicht nur für die Gewässer und ihre Bewohner entscheidend, auch für das Grundwasserwerk Lobau. Je tiefer die Donau sinkt, umso schwieriger wird es, die Brunnen versorgungssicher in Betrieb zu halten.

Was könnte getan werden?

  • Die Eintiefung der Donau muss rückgängig gemacht werden – auf das Niveau von 1996, dem Jahr als der Nationalpark gegründet wurde. Die verantwortlichen Stellen haben es bis heute nicht geschafft, die Eintiefung zumindest zu stoppen – von Wiederanhebung gar keine Rede – obwohl eine Wiederanhebung technisch machbar wäre, allerdings nicht kostenfrei. Eine solche Investition scheint die Lobau bzw. der Nationalpark dem Staat nicht wert zu sein.

Was man noch tun könnte:

  • Die Untere Lobau von stromaufwärts her mit Wasser zu versorgen – über das Mühlwasser. Dies scheitert seit zehn Jahren daran, dass eine mathematische Modellstudie besagt, jeder Tropfen zusätzlich eingeleitetes Wasser würde die Brunnen hygienisch gefährden. Eine neuerliche Modellstudie, die derzeit in Arbeit ist, könnte eventuell zu einem anderen Ergebnis kommen. Mit viel Glück könnte dann 2027 schon ein wenig Wasser in die Untere Lobau fließen (oder auch nicht).

Was konsequent wäre, im Sinne der Bewahrung des österreichischen Naturerbes Donau-Auen:

  • Die Lobau beim sogenannten „Schwarzen Loch“ mit einer Wehr zur Donau hin zu öffnen – wie schon vor Jahren geplant. Richtig effektiv wäre dies aber erst, wenn die Schottersohle der Donau wieder auf das Niveau von 1996 angehoben würde, die Spiegel der Donau also lange Zeit des Jahres so hoch wären, dass ihr Wasser in die Lobau hinein fließen könnte.

Die Donau-Eintiefung umzukehren und die Untere Lobau wieder zu revitalisieren (ohne die Grundwasserbrunnen zu verlieren) wurde x Mal geplant und durchdacht, ist zweifellos möglich, politisch aber nicht gewollt, mutmaßlich aus Kostengründen und mangelnder Courage.

Fotos: Kurt Kracher
Porträt Norbert Sendor: Robert Kinnl

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